Marcus

Es gibt kein Leben auf dem Mars

Curiosity, Plattformen: iOS, Android

Veröffentlicht: 10.11.2012 | von: Marcus | @loessatron | Rubrik: Games

Wer sich bereits einige Jahre ausgiebig mit Videospielen beschäftigt, wurde wahrscheinlich nicht nur einmal von Peter Molyneux enttäuscht. Die wandelnde Ein-Mann-Werbetrommel und Hypemaschine verspricht uns auch dieses Mal wieder die großartigste Spielerfahrung unseres banalen Lebens und das sogar ohne überhaupt ein richtiges Spiel dafür programmiert zu haben. Curiosity ist vielmehr eine alterierte Version eines Würfelspiels, an dessem Ende unzählige Verlierer und nur ein einzelner Gewinner stehen werden.

Hat der Riddler seine Finger im Spiel?

Es fängt alles ganz harmlos an. “Bist du neugierig?”, werde ich gefragt, und auch wenn mir diese persönliche Ebene ein wenig verfrüht erscheint, bestätige ich diese Frage mit einem Fingertippen, welches sich anschließend auch als einzig erforderliche Eingabemethode entpuppt. Man hämmert immerzu auf den Bildschirm, um so Schicht für Schicht eines riesigen Würfels abzutragen, dessen Kern sich am Ende nur einem einzigen Spieler erschließen soll. Man hämmert also nie allein, sondern jeder hackt online auf dem selben großen Würfel herum, was in den ersten Tagen für einen erschwerten Zugriff auf den Spieleserver gesorgt hat und nach wie vor einen großen Teil der Nutzer aussperrt. Für mich war somit schon während der Bearbeitung der ersten Schicht selbige im Schacht, da ich mich seitdem nicht mehr anmelden konnte. Zeit genug also, um darüber nachzudenken, ob ich das denn überhaupt noch einmal will.

“There is something we haven’t told everybody about when you play the cube. When you play the cube you’re also doing something else. You don’t realise you’re doing it. [...] You’re not just doing things in the cube. You don’t realise it but you’re doing something in something else as well at the same time.”

 -Peter Molyneux

Was sich mir in den knapp 20 Minuten Spielzeit bot, hat auf jeden Fall wenig mit einem klassischen Videospiel zu tun. Es ist ein wenig wie ein Minecraft, welches nur aus dem Abbau von Rohstoffen besteht, weil es um seine kreative Schaffenskomponente beraubt wurde. In grenzenloser Monotonie tippen die eigenen Finger immer wieder auf den Bildschirm, während einem der minimale Fortschritt beim Abtragen der Würfelschicht durch ein paar Münzen “versüßt” wird, deren Nutzen sich wohl erst nach einiger Zeit erschließen wird, wenn man damit Dinge kaufen kann, die das Kratzen am Würfel beschleunigen sollen. Schwer vorstellbar, dass Neugierde allein ausreicht, um sich darauf stundenlang einzulassen. Und was meint der Molyneux nun wieder mit dieser völlig schwammigen Aussage, man tue eigentlich noch etwas anderes, während man den Würfel bearbeitet? Warum kriege ich davon überhaupt nichts mit? Vielleicht meint er ja den Abbau weiterer Ressourcen, wie Lebenszeit und Verstand. Oder aber den schleichenden Verlust rationalen Denkens, wie er bei Spielautomaten- und Lottospielern beobachtet werden kann, welche ihrem großen Ziel in der Regel ähnlich fern bleiben, wie der ominöse Würfelkern dem Curiosity-Spieler. Da diese Dinge jedoch eher zu den passiven Begleiterscheinungen dieses Spiels gehören, muss man wohl auf die Auflösung dieser Frage noch eine Weile warten.

“What is inside the cube is life-changingly amazing by any definition.”

- Peter Molyneux

Fool me once…

Vielleicht sogar so lange, bis endlich ein strahlender Gewinner des Würfels Kern zu Gesicht bekommt. Dieser eine Spieler, dessen Neugierde mit einer lebensverändernden Entdeckung befriedigt werden soll, hat schließlich die Wahl, den Inhalt des Kubus via Facebook in die Welt hinauszuposaunen, oder ihn für immer für sich zu behalten. In diesem vollgepackten Würfel steckt also noch ein ganzes Sozialexperiment mit drin, welches eigentlich das einzig wirklich Spannende an diesem in allen Belangen übertrieben angepriesenen Spiel ist. Denn mal ehrlich, wer die haltlosen Versprechungen zu Black & White oder zu Fable von Molyneux für bare Münze genommen hat, der traut diesem Mann nun keinen Millimeter mehr über den Weg. Und das sollte man auch nicht. Am Ende ist womöglich der einzige Gewinner nicht etwa derjenige, der das Zentrum des Würfels erreicht, sondern einzig und allein Molyneux selbst. Denn sollte es soweit kommen, dass sich tatsächlich abertausende Menschen zusammen unzählige Stunden, Tage und Wochen dieser absolut öden Tipperei hingeben, obwohl es nahezu ausgeschlossen ist, das Licht am Ende des Tunnels je zu erblicken, dann hat er uns mal wieder alle zum Narren gehalten. Und wenn sich im Kern des Würfels nun Molyneuxs ausgestreckter Mittelfinger befindet, sei es als Bild oder als Metapher, dann wird sich wohl niemand groß wundern. Wir wurden schließlich hinreichend gewarnt.

- Marcus | @loessatron