Marcus

Die Biologie der Technik

Warum "Survival of the fittest" für den Spiele-PC nicht mehr gilt

Veröffentlicht: 26.01.2012 | von: Marcus | @loessatron | Rubrik: Games

Der PC als primäre Spieleplattform stirbt aus. Ein havariertes Segelschiff, das sich nur noch durch das beharrliche, doch abnehmende Pusten seiner ewig gestrigen Matrosen einen Rest Fahrtwind behalten hat, wird in absehbarer Zeit in den Untiefen des Plattform-Meeres versunken sein. Es ist eine Entwicklung, die sämtliche darwinistischen Thesen ad absurdum führt, schließlich ist der PC doch seit jeher die hardwareseitig potenteste Spieleplattform und müsste aufgrund dessen alle Kontrahenten mühelos ausstechen können. Der Spielemarkt jedoch hat spätestens mit der Einführung der letzten Konsolengeneration an Vergleichbarkeit zu den Grundlagen allen biologischen Lebens massiv eingebüßt, denn die Höher-Schneller-Weiter-Mentalität früherer Tage spielt in Sachen Hardware heute eine weitaus untergeordnetere Rolle.

Unterstützt meine Grafikkarte Shader 2.0?

Die Gründe für den Relevanzabfall des PCs sind so vielseitig wie seine verbauten Hardwarekomponenten und installierten Betriebssysteme.  Die Möglichkeit zur ständigen Mutation, um doch noch einmal bei der Biologie zu bleiben, also das ständige Anpassen an die technischen Bedürfnisse, ist eigentlich das signifikante Alleinstellungsmerkmal des PCs, doch seine größte Stärke ist aus Entwickler- und Publishersicht eine nur schwer kalkulierbare Größe. Die enorme Fragmentierung der vorhandenen Systeme von PC-Spielern stellt die Entwickler vor die gewaltige Aufgabe, ein Spiel auf möglichst vielen Rechnerkonfigurationen problemlos zum Laufen zu bringen und dabei gleichzeitig die Grafikhurerei vieler Spieler und Magazine zu befriedigen. Interesse an einem Videospiel entsteht in der Regel eben doch ähnlich wie bei der Wahl eines Partners – ohne ein hübsches Äußeres schaut man gar nicht erst genauer hin. Problematisch ist dies vor allem, wenn ein technisch anspruchsvolles Spiel, also eine wirkliche “Schönheit” wie seinerzeit Crysis oder The Elder Scrolls IV: Oblivion, nur auf einem Bruchteil der heimischen Rechner auch wirklich lauffähig ist. Das sorgt dann nicht nur auf Seiten der Spieler für Frust, sondern ebenso für einen geringeren Absatz, egal wie großartig der Titel auch sein mag. Wer hingegen eine Konsole hat, der kann sich beim Kauf seines Spieles in aller Regel sicher sein, dass sein Spiel auch anständig läuft. Jede XBOX hat den selben Inhalt, die Spieleengine kann exakt darauf angepasst werden, traumhafte Bedingungen also für Entwickler und Endkunden, möchte man meinen.

Doch die Abkehr vom PC als Leitentwicklungsplattform für Videospiele hat nicht nur Bequemlichkeit als Ursache, sondern steht vor allem im Schatten eines Prozesses, der die Konsolen von nerdigen Kinderspielzeugen zu salonfähigen Multimediamaschinen evolvieren ließ. Eine Playstation 3 ist nicht mehr nur eine potente Spieleplattform, die technisch aufwendige Titel auf den FullHD-Fernseher zaubert, sie bietet zudem auch viele Vorzüge, die einst dem PC vorbehalten waren, wie etwa das Abspielen von Filmen und Musik, umfangreiche Internet-Funktionen und bisweilen sogar das Modifizieren von Spieldateien. Während man für einen gut ausgestatteten PC ganz gerne einen vierstelligen Betrag hinblättern darf, bekommt man zudem eine aktuelle Konsole günstiger als eine leistungsfähige Grafikkarte.  Nicht zu vergessen, dass sich auch das Design der Konsolen deutlich “erwachsener” zeigt und optisch nun nicht mehr ganz so spröde daherkommt, wie die alten Brotkästen von Nintendo und Sega.

Fruit Ninja statt Ninja Gaiden

Die Hardware ist allerdings schon immer nur die halbe Wahrheit gewesen, wenn überhaupt. Wer sich für eine Plattform entscheidet, der tut dies hauptsächlich immer noch aufgrund der gebotenen Inhalte, was insbesondere Apple mit dem Erfolg seiner iOS-Geräte beweist. Generell verwischen zunehmend die Grenzen zwischen reinen Spieleplattformen und kleinen Alleskönnern, mit der Folge, dass insbesondere der portable Plattformmarkt eigentlich keinen wirklichen Platz mehr für reine Handheld-Konsolen hat, wie der gefloppte Nintendo 3DS oder auch das rapide sinkende Interesse an Sonys Playstation Vita zeigen. Wenn man zwischen 5-10 Launchtiteln für 40€ und mehreren hundert Gratisspielen für Android und iOS wählen kann, dann reicht den meisten für unterwegs längst ihr Smartphone, welches softwareseitig kaum noch Wünsche offenlässt und sogar die Menschen zu dem einen oder anderen Spielchen hinreißt, denen Videospiele eigentlich stets fremd waren. Sicher, hierbei handelt es sich dann eher nicht um wirklich hochkarätige Titel und sie sind eher was für die acht Minuten Busfahrt in die Stadt, doch auch im Wohnzimmer haben sich im Laufe der vergangenen Jahre zahlreiche leicht zugängliche und unkomplizierte Titel ihren Weg gebahnt, die aus Desinteressierten plötzlich leidenschaftliche virtuelle Bowler oder Rennfahrer machten. Ist es dem PC über all die Jahre hinweg eigentlich nie wirklich gelungen neue Märkte zu erschließen, haben die Konsolenentwickler durch Bewegungssteuerungen, 3D-Unterstützung und Touchscreens zwar stückmäßig bisher nicht mehr Einheiten verkauft, als es bei früheren Konsolen der Fall war (Smartphones nicht mitgerechnet, da diese keine reine Spieleplattform bilden), sie haben jedoch das Thema Videospiele selbst dort gesellschaftsfähig gemacht, wo vorher lediglich ein leichtes Stirnrunzeln hervorgerufen wurde. Dass die neuen Eingabegeräte und der Smartphone-Boom hierbei bisher hauptsächlich für wirklich simple und für den “Core-Gamer” eher uninteressante Titel verschwendet wurden, ist ein ganz natürlicher Prozess. Die Software muss sich erst an die neuen Möglichkeiten anpassen, bis sie komplexer werden kann. Schließlich fingen konventionelle Videospiele auch mal mit Pong und nicht bei Skyrim an.

Fast schon ein Ladenhüter auf dem PC

Allgemein hatte der PC zwar seit jeher ein reichhaltiges Angebot an Spielen und Eingabegeräten, doch bis man zum Kern, nämlich dem Spielen selbst vorgedrungen ist, da vergeht im Vergleich zur Konsolensoftware noch heute viel zu viel Zeit. Da wollen Spiel und Treiber installiert, Eingabegeräte ausgewählt und konfiguriert und Grafikeinstellungen festgelegt – kurz: jedes Detail den eigenen Voraussetzungen und Vorlieben angepasst werden. Es muss sich also jeder selbst die Frage stellen, ob er ein Maximum an Individualität und Konfigurierbarkeit möchte oder ob es ihm ausreicht, einfach ein Spiel mit den dafür vorgesehenen Möglichkeiten zu  spielen. Bemerkenswert ist es auf jeden Fall, dass selbst die ursprüngliche PC-Bastion des Egoshootergenres mittlerweile bei den Verkaufszahlen von Multiplattformtiteln ganz klar das Gamepad der Maus und Tastatur vorzieht, wie sich beispielsweise an den Absatzzahlen von Modern Warfare 3 zeigt.  Gerade einmal eine halbe Million Exemplare von den über 12 Millionen verkauften Einheiten der ersten Woche fielen hierbei laut vgchartz.com auf die PC-Version zurück. Man möchte angesichts dieser Verhältnisse eigentlich gar nicht mehr erwähnen, dass die halbe Million tatsächlich auch noch die Wii-Verkäufe enthält.

Letzte Hoffnung für PC-Spieler

Wie schon auf der Entwicklerseite steht jedoch auch beim Endkunden oft nicht allein die Bequemlichkeit als alleiniger Entscheidungsgrund pro Konsole und kontra PC im Vordergrund, da mehrere unterschiedliche Aspekte den PC vergleichsweise unattraktiv für die breite Masse erscheinen lassen. Dazu zählt auch das Thema Raubkopien, auf das ich zwar gerne aufgrund seiner Ausgelutscht- und Durchgekautheit verzichten würde, es jedoch in diesem Zusammenhang nicht einfach totschweigen kann. Schließlich war es gerade der vergleichsweise einfache Zugang zu illegaler Spielesoftware, der für viele den PC zur primären Plattform für Videospiele machte und den höheren Kostenpunkt der Hardware wieder relativieren konnte. Natürlich ist anzunehmen, dass die Industrie dadurch beträchtliche Umsatzeinbußen hinnehmen musste, auch wenn es recht albern ist zu behaupten, jede illegale Kopie sei mit einem direkten Verlust gleichzusetzen. Klar, dass unter diesen Umständen Möglichkeiten gefunden werden mussten, die das unrechtmäßige Kopieren von Spielen verhindern oder zumindest immens erschweren sollten. Die Gegenmaßnahmen gingen nun von abstrusen Kopierschutzmaßnahmen, die häufiger den rechtmäßigen Käufer statt den Softwarepiraten am Spielen hinderten, über Accountbindungen, die einen Wiederverkauf des Spieles und das Offline-Spielen unmöglich machten, bis hin zu reinen Konsolenveröffentlichungen von Titeln, die eigentlich auch auf dem PC ihr Publikum gefunden hätten. Zudem werden selbst optisch beeindruckende Spiele wie Crysis 2 oder Assasin’s Creed: Brotherhood nicht mehr, wie noch vor wenigen Jahren üblich, von der PC-Version an die Konsolen angepasst, dieser Vorgang hat sich ins Gegenteil verkehrt, so dass PC-Spieler bisweilen erst mehrere Monate später in den Genuss von einigen namhaften Titeln kommen, die dann auch noch grafisch kaum besser und von der Steuerung simplifiziert daherkommen.

Illegale Einwanderer auf ihrem Weg nach Skyrim

Derlei Maßnahmen zeigen in aller Deutlichkeit, dass der PC seinen einstigen Stellenwert verloren hat. Schuld daran sind sicherlich zum Teil die Spieler selbst, die selten bis gar nicht bereit dazu waren, für Spiele zu zahlen. Auf der anderen Seite aber eben auch Entwickler und Publisher, die es zum einen verpasst haben, spannende Neuerungen für den PC zu präsentieren und zum anderen den zahlenden Kunden mit unzumutbaren Kopierschutzmechnismen und Eingriffen in die Privatspäre (man denke an das Origin-Desaster) vergrätzten. Aktuell gibt es nicht mehr viel, was noch für den PC spricht, es sei denn man mag Starcraft, Berufssimulationsspiele oder MMORPGs. Eine an sich gute Idee wie Steam hingegen krankt nach wie vor am Misstrauen vieler potentieller Kunden, denen die Verwaltung ihres kompletten Spielekatalogs einem einzelnen Anbieter zu überlassen zuwider ist. Zu groß scheint die Gefahr, es könnte eines Tages alles verschwunden sein. Einzig die Entwicklung von Good Old Games ist für mich aus PC-Spielersicht noch spannend. Ob die Rückbesinnung auf völlig kopierschutzfreie und zwanglos nutzbare Spielesoftware, die ja eigentlich ein wesentlicher Grund für den Niedergang des PCs sein soll, auch dauerhafte Wachstumschancen insbesondere auch im Hinblick auf aktuelle Titel hat, muss sich erst noch zeigen. Schön wäre es jedenfalls, wenn der PC-Spieler auch von Industrieseite endlich das lähmende Stigma des meuternden Piraten ablegen könnte. Schließlich hat der wie eingangs erwähnt schon genug damit zu tun, Wind in die Segel des einstigen Videospielflaggschiffs zu blasen.

Die gegenwärtige Zukunft des Gamings

Wer weiß, vielleicht wird man in wenigen Jahren schon müde über diesen Artikel lächeln können. Es besteht zumindest die Möglichkeit, dass sich der Markt komplett weg vom käuflichen Produkt und hin zu Streaming-Diensten entwickelt, wie es bereits bei Musik und Film üblich ist. Mit OnLive steht längst der erste Anbieter in den Startlöchern, wobei die angebotenen Tarife und die Streaming-Technologie sicherlich noch verbesserungswürdig sind. Sollten derlei Kinderkrankheiten in absehbarer Zukunft geheilt werden können, dann dürften auch die Konsolenhersteller um ihren Status fürchten. Die Versprechungen, die OnLive macht, lassen jedenfalls aufhorchen: hardwareunabhängiges, flüssiges Spielen, ob am Fernseher oder PC oder was auch immer sonst noch einen HDMI-Anschluss besitzt, eine umfangreiche Spielebibliothek, auf die man je nach Abonnement frei zugreifen kann und dank keiner lokal gespeicherten und modifizierbaren Daten dürften potentiellen Cheatern erstmal die Hände gebunden sein. Wie schon bei Steam oder Origin wird die Zahl der Skeptiker zunächst überwiegen. Aber das ist eben die Bürde, die neue Technologien auf ihrem Weg zum neuen Standard erst einmal zu tragen haben. Doch so wie Musikliebhaber sich irgendwann mit dem Verlust ihrer gewohnten Tonträger angefreundet haben oder Fotografen ihre Zweifel Richtung digitaler Fotografie ablegten, so werden vermutlich auch wir Spieler darüber hinwegkommen, dass unsere liebgewonnene Spieleplattform, sei es nun der PC oder eine Konsole, durch modernere Technologien abgelöst werden. Statt sich dann in Foren darüber zu streiten, ob nun eine “Shitbox” oder die “Gaystation” die geilere Spielemaschine sei und Nvidia oder ATI jetzt mehr FPS auf den Bildschirm zaubert, können wir uns hoffentlich endlich einmal ausschließlich über die Dinge auslassen, um die es doch eigentlich gehen sollte und deretwegen wir all diesen Aufwand mit der Hardware überhaupt erst all die Jahre betrieben haben. Und nein, ich meine nicht 3D-Pornos, du Schuft!

- Marcus | @loessatron