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Sexualität ist kein Quick-Time-Event

Veröffentlicht: 02.03.2012 | von: earlmobileh | @earl_mobileh | Rubrik: Games

Sex ist überall. Bildhauerei, Fotografie, Filme, Malerei, Musik, Lyrik, Prosa – jede dieser Kunstformen hat sich Sexualität schon einmal zum Thema gemacht. Im triebhaften Verlangen trifft das Tierische auf das Kultivierte und von einigen wenigen Asexuellen einmal abgesehen, betrifft der Fortpflanzungstrieb jeden von uns. Folglich scheint es eine Notwendigkeit für die Emanzipation jeder kreativen Ausdrucksform zu sein, einmal diese niedrigste und zugleich höchste Facette unseres Lebens aufzugreifen. Ob man über Sex nun nur auf Englisch oder auch auf Deutsch singen kann, kaum jemand würde bestreiten, dass es jeder Kunstform möglich sein sollte das Lustvolle zu thematisieren. Ich möchte nun einmal beleuchten, wie sich das Videospiel als jüngste Medium unserer Zeit auf dem Weg zu einer reifen Kunstform schlägt.

Beginnen wir zunächst mal mit den frühsten Beispielen für die Kombination von Sex und Spielen. Schon in den 80ern überschwemmten verschiedenste Entwicklerstudios den Markt mit unsinnigen und anstößigen Pornoproduktionen. Da gab es auf dem Atari 2600 zum Beispiel Coster’s Revenge, eine eigensinnige Neuinterpretation der historischen Ereignisse während der nordamerikanischen Indianerkriege. Ziel des Spiels ist es, in die Haut der historischen Figur des Generals George Armstrong Custer zu schlüpfen, Speeren auszuweichen und nebenbei eine, an einen Kaktus gefesselte amerikanische Ureinwohnerin zu vergewaltigen. Andere Produktionen der gleichen Spielegeneration verzichten immerhin auf die schlechte Idee, Vergewaltigungen zum Spielziel zu machen, geben sich aber ansonsten ebenso hirnlos. In Beat’em & Eat’em steuert man beispielsweise zwei nackte Frauen, die in bester Arkanoid-, beziehungsweise Breakout-Manier versuchen, ein von-oben-kommendes Objekt zu fangen. Im Gegensatz zu den jugendfreien Vorbildern handelt es sich hierbei aber nicht um einen Ball, sondern um Sperma.

Eine Videospielgeneration später geben sich die Produktionen kaum erwachsener. Die späten 80er und früheren 90er können zwar grafisch mehr bieten, inhaltlich sind die sexuellen Spiele aber ebenso debil wie ihre Vorgänger. Dutzende Arcade-Machines mit billigen Qix-Plagiaten oder Strip-Mahjong finden ihren Weg in die Spielhöllen der Welt, während unlizenzierte NES-Titel wie Bubble-Bath-Babes Elemente aus Tetris und Dr. Mario verbinden und mit nackter Haut garnieren, um damit die Wohnzimmer erobern. Die PC-Spieler machen derweil mit Larry Bekanntschaft, einer Mischung aus Point-&-Click-Adventure und billigem Softcore-Flick. Das Niveau des tristen Sumpfes aus all diesen Trashspielen war so niedrig, dass die mit dem Schulmädchen-Report vergleichbare Reihe traurigerweise zu den ambitionierteren Projekten der Zeit gezählt werden kann.

Alle Spiele, die ich eben aufgezählt habe, haben eines gemeinsam: sie lassen jeden Anspruch vermissen. Es ging in ihnen niemals darum, eine Aussage über Sexualität zu treffen, geschweige denn ein realistisches Bild von Sex zu zeichnen. Im Gegenteil, sie sind die pure Sexploitation. Sie können somit kaum als Exempel für die Thematisierung von Erotik in spielerischer Form angesehen werden, sie sind – auch wenn es in Anbetracht der interpretationsbedürftigen Pixel-Grafik eigenartig anmutet – nichts weiter als Pornografie.

Um der virtuellen Lust etwas näher zu kommen, möchte ich den Blick weg von billigen Erotikprodukten und hin zu Games mit etwas mehr Substanz lenken. Was wurde uns da in der letzten Dekade präsentiert?

SEX = QTE

Auffällig ist, dass viele Entwickler mutig genug sind, im Zuge der Glanzzeit der narrativen Spiele, hier und da mal ein Techtelmechtel zwischen den jeweiligen Spielcharakteren einzubauen. Ohne das ganze Spiel danach auszurichten, geschieht das mal mehr und mal weniger sinnvoll. (Spoiler Alert) Im dritten Teil der Metal Gear Solid Reihe verhilft die Romanze zwischen Snake und EVA beispielsweise dazu, die Geschichte voranzutreiben. Indem sie miteinander schlafen, definiert sich das Verhältnis zwischen den beiden neu, lernen wir sie besser kennen und es wird die Grundlage für die weitere Handlung gelegt. Weniger geschickt waren die Jungs und Mädels von Quantic Dreams, als sie die Protagonisten aus Fahrenheit (bzw. Indigo Prophecy) plötzlich und vollkommen zusammenhangslos in die Kiste geschickt haben. Kaum Aufbau, plötzlich Knick-Knack und danach driftet der Plot vollkommen ins Absurde ab. An der Spielerfahrung hätte sich kaum etwas geändert, wenn die Szene gefehlt hätte. Dass der Spieler für erfolgreichen Sex in Quick-Time-Events den Analog-Stick nach vorne drücken muss, macht die Sache nicht besser.

Fahrenheits willkürliche Platzierung sexueller Inhalte, ohne Kontext oder Bedeutung irritiert mich insbesondere im Hinblick auf die hohen Risiken, die für jedes bisschen nackte Haut eingegangen werden müssen. Was ich meine, wenn ich von Risiken spreche, wird durch die Nennung eines kurzen Reizbegriff deutlich: „Hot Coffee“. Im Jahr 2005 veröffentlichten ein paar Leute aus der Mod-Szene eine kleines Tool, das den Spielern von GTA: San Andreas Zugang zu einem Sex-Minispiel eröffnet. Diese kleine Erweiterung befand sich bereits zum Release auf allen DVDs, war aber ursprünglich – vermutlich aus Angst vor dem folgenden Aufstand der amerikanischen Wutbürger – deaktiviert worden. Allein diese kleine Mod war im Folgenden Grund genug für die Behörden, das Altersrating von ‚M-Mature‘ auf ‚AO-Adults Only‘ aufzustufen, gravierende Umsatzeinbußen waren die Folge.

An diesem Kaffee kann man sich verbrennen.

Hot Coffee lehrt uns, dass Sex in Games ein Spiel mit dem Feuer ist. Hier war der sexuelle Inhalt noch nicht einmal ohne externe Hilfsmittel spielbar, trotzdem reichte es für einen äußerst kostspieligen Shitstorm. Überhaupt kann es in Zeiten wie diesen eigentlich jeden treffen, selbst Titel, in denen die Intimität zweier Charaktere eigentlich eine logische Folge des Handlungsgeschehens ist. In großer Vorfreude auf den dritten Teil, greife ich beispielhaft kurz Mass Effect heraus. Wie in eigentlich jedem Bioware-Rollenspiel der letzten 5 Jahre war es den Spielern von Mass Effect möglich, eine sexuelle Beziehung zu anderen Spielcharakteren aufzubauen. Der Geschlechtsverkehr fällt hier nicht vom Himmel, das Verhältnis muss graduell intensiviert werden und ein allzu forsches Vorgehen ist nicht von Erfolg gekrönt. Der eigentliche Akt wird nicht sonderlich explizit dargestellt und dauert etwa zwei bis drei Minuten, dagegen stehen rund 20 Stunden exzellenter Sci-Fi-Story. Eigentlich keine große Sache, jede Vorabendserie ist versexter, und trotzdem:

httpv://www.youtube.com/watch?v=PKzF173GqTU

Was haben wir, mal davon abgesehen, dass das die Medienlandschaft der USA bei Zeiten absurd anmutet, bisher gelernt? In den frühen Tagen der Videospielgeschichte gab es eigentlich nur Pornographie. Obgleich des Risikos in der Öffentlichkeit zerrissen zu werden, halten nun aber seit der Jahrtausendwende immer mehr Bettgeschichten Einzug in die Plots von Computerspielen. Manchmal macht das Sinn, gelegentlich aber auch mal nicht, in jedem Fall aber spielt Sexualität eine nebensächliche Rolle. Werke, die Sex explizit zum Thema machen, finden sich im Mainstream-Markt nicht.

Vielleicht liegt es an der für Videospiele symptomatischen Fixierung auf Kämpfe, dass wir zwar noch kein Eyes Wide Shut, dafür aber hunderte Commandos und Rambos erleben durften. Computerspiele haben es schon schwer, während die Pubertät von Büchern oder Filmen durch eine Vielfalt aller möglichen Genres gekennzeichnet war, müssen Computerspiele erst einmal die ewige Action überwinden. Das chronische Gekämpfe und Rumgereite auf Konflikten soll hier aber (noch) nicht das Thema sein, daher belasse ich es bei Folgendem: Wenn Spiele eine erwachsene Kunstform werden wollen, müssen sie in der Lage sein, Werke zu schaffen, die Sex direkt thematisieren – und das nicht im Sinne von Eis am Stiel, sondern so, dass sie tatsächlich etwas belangvolles dabei aussagen. Nur dann werden wir dem ätzenden Konglomerat aus Fox-News, (Pseudo-)Pop-Psychologinnen und Wutbürgern selbstbewusst entgegenstehen können.

Ich für meinen Teil werde mir gleich Catherine, den letztjährigen potentiellen Lichtblick aus Japan bestellen und mich überraschen lassen, ob meine Forderungen nach einer reifen Kunst vielleicht sogar schon erfüllt wurden. Ich bin gespannt ob ich neben Puzzle- und Adventure-Gameplay etwas über Hingabe, Begierde und Erwachsenwerden lernen kann.

Appendix: Gronk, zarf! – Ich gehe wohl mal wieder alleine nach Hause.

- earlmobileh | @earl_mobileh